Innerhalb einer Woche entließ Oracle tausende Mitarbeiter per E-Mail und stellte gleichzeitig eine neue Finanzchefin mit Millionengehalt ein. Das sagt viel über die Strategie des Tech-Konzerns – und noch mehr über die Zukunft der Branche.
Eine E-Mail um 6 Uhr morgens. Letzter Arbeitstag: sofort.
Am 1. April 2026 öffneten tausende Oracle-Mitarbeiter auf der ganzen Welt ihre Postfächer und fanden dieselbe nüchterne Nachricht vor: Ihre Stelle sei „im Rahmen einer umfassenderen organisatorischen Veränderung” gestrichen worden – und dieser Tag sei ihr letzter Arbeitstag. Keine Vorwarnung, kein Gespräch, kein Übergang. Nur eine E-Mail in der Morgendämmerung.
Die Entlassungen – bestätigt durch zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen gegenüber CNBC – sollen bis zu 30.000 Beschäftigte betreffen. Das entspricht rund 18 Prozent der etwa 162.000 Vollzeitmitarbeiter, die Oracle zuletzt in seiner Jahresabschlusseinreichung ausgewiesen hatte. Eine offizielle Stellungnahme hat das Unternehmen bis heute nicht veröffentlicht.
„Nach sorgfältiger Abwägung des aktuellen Geschäftsbedarfs haben wir entschieden, Ihre Stelle zu streichen.” — Oracle-Kündigungsschreiben, April 2026
Warum? Das Geld fließt in KI-Infrastruktur
Oracle hat sich in eine riesige KI-Wette hineingeredet – und muss nun die Rechnung bezahlen. Das Unternehmen hat angekündigt, im Geschäftsjahr 2026 rund 50 Milliarden Dollar in den Ausbau von Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur zu investieren. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr – und 15 Milliarden mehr, als Oracle der Wall Street noch vor wenigen Monaten mitgeteilt hatte.
Die Nachfrage ist real: Die verbleibenden Leistungsverpflichtungen stiegen im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 auf 553 Milliarden Dollar – ein Anstieg von 325 Prozent gegenüber dem Vorjahr, fast ausschließlich getrieben durch große KI-Verträge mit Kunden wie OpenAI, Nvidia und Meta. Der Quartalsumsatz wuchs um 22 Prozent auf 17,2 Milliarden Dollar. Das Problem: Der Aufbau der dafür nötigen Infrastruktur kostet mehr, als Oracle sich bei gleichzeitig 162.000 Angestellten leisten kann.
Analysten von TD Cowen schätzen, dass die Entlassungen 8 bis 10 Milliarden Dollar jährlichen Cashflow freisetzen werden. Barclays geht davon aus, dass Oracle seinen Umsatz in den kommenden Jahren verdreifachen könnte – bei minimalem Beschäftigungswachstum. Der Markt reagierte zunächst positiv: Die Oracle-Aktie legte am Tag der Bestätigung um fast 6 Prozent zu, liegt aber weiterhin rund 25 Prozent unter dem Jahresanfangsniveau.

Chronologie der Ereignisse
Neue CFO, altes Problem: Hilary Maxson soll die Finanzen retten
Nur fünf Tage nach den Massenentlassungen meldete Oracle eine Personalie, die für Aufsehen sorgte: Am 6. April 2026 wurde Hilary Maxson, 48, als neue Chief Financial Officer (CFO) ernannt – mit sofortiger Wirkung. Die Position war seit 2014 vakant, als Safra Catz die Rolle des CFO mit der des Co-CEO vereinte.
Maxson kommt vom französischen Industriekonzern Schneider Electric, wo sie als Group-CFO für ein Unternehmen mit über 45 Milliarden Dollar Jahresumsatz verantwortlich war. Seit ihrem Einstieg bei Schneider im Jahr 2017 hat sie das Unternehmen von einem klassischen Elektrotechnikausrüster zu einem digitalen Energietechnologiepartner transformiert – mit starkem Fokus auf Software, Daten und KI. Früher war sie zwölf Jahre bei AES Corporation tätig, wo sie Finanz-, Strategie- und M&A-Funktionen in komplexen globalen Infrastrukturprojekten übernahm.
CEO Clay Magouyrk erklärte, Oracle sei froh, eine Finanzführungskraft gefunden zu haben, die zur Unternehmenskultur der strengen finanziellen und operativen Disziplin passe und Erfahrung mit der Skalierung kapitalintensiver globaler Organisationen mitbringe. Ihr Vorgänger Doug Kehring, der die Finanzfunktion seit September 2025 als Principal Financial Officer kommissarisch geführt hatte, kehrt in seine Rolle als EVP Operations zurück.
Laut Regulierungsexperte Jacob Bourne von Emarketer signalisiert die Wiederbesetzung des klassischen CFO-Titels, dass Oracle sich strukturell stärker an Branchenstandards ausrichtet – besonders wichtig in einer Phase, in der Investoren die KI-Ausgaben besonders kritisch beobachten.
Kontroversen: H-1B-Visa, Altersdiskriminierung, rechtliche Risiken
Die Art der Entlassungen hat mindestens so viel Empörung ausgelöst wie ihr Ausmaß. Die Kürzungen verliefen innerhalb des Unternehmens sehr ungleich: Einige Teams verloren 15 Prozent ihrer Belegschaft, andere – besonders im Bereich nicht-On-Premises-Produkte – bis zu 45 Prozent. Gleichzeitig reichte Oracle in den vergangenen zwei Geschäftsjahren über 3.100 H-1B-Visa-Anträge ein: 2.690 im GJ2025 und weitere 436 im laufenden GJ2026.
Kritiker werfen dem Unternehmen vor, amerikanische Arbeitnehmer durch günstigere ausländische Fachkräfte zu ersetzen. Oracle hat sich dazu bislang nicht geäußert. In einigen Büros – etwa in Morrisville, North Carolina – wurde beobachtet, dass überproportional viele der Entlassenen über 60 Jahre alt waren, was Fragen zu möglicher Altersdiskriminierung aufwirft. Mehrere Betroffene prüfen rechtliche Schritte, darunter mögliche Verstöße gegen den WARN Act, der bei Massenentlassungen eine 60-tägige Vorabmitteilung vorschreibt.
Oracleʼs nächste Schritte
Das große Bild: Oracle als Spiegel der Tech-Branche
Was bei Oracle geschieht, passiert gleichzeitig bei Amazon, Meta, Microsoft und Dutzenden anderer Tech-Konzerne. Im März 2026 wurden allein in der Technologiebranche über 40.000 Stellen gestrichen – die meisten mit explizitem Verweis auf KI und Automatisierung. Die Botschaft ist unmissverständlich: Künstliche Intelligenz wird nicht nur als Produkt verkauft. Sie wird aktiv eingesetzt, um menschliche Arbeitsplätze zu ersetzen.
Oracle ist dabei ein besonders symbolischer Fall, weil das Unternehmen sein Imperium auf Datenbanken, ERP und Unternehmenssupport aufgebaut hat – genau jene Bereiche, die durch KI nun automatisiert oder marginalisiert werden. Sein NetSuite-Produkt erzielte im vierten Quartal des GJ2025 erstmals über eine Milliarde Dollar Quartalsumsatz und bedient 43.000 Kunden in 219 Ländern. Viele der Menschen, die dieses Produkt aufgebaut haben, wurden nun entlassen.
Für Betroffene gibt es kurzfristig einen kleinen Hoffnungsschimmer: ERP-Fachkräfte mit Oracle-, NetSuite- und PeopleSoft-Erfahrung sind derzeit stark gefragt. Der Cloud-ERP-Markt wächst mit 13 bis 14 Prozent jährlich, während On-Premise-ERP stagniert. Wer seine Fähigkeiten jetzt gezielt aktualisiert, hat gute Chancen – die Frage ist nur, wie viel Zeit dafür bleibt.






